Solarwärme und EnEV: mit Solarsimulation
zum optimierten Ergebnis kommen
Sonnenkollektoranlagen verringern deutlich den Primärenergiebedarf
von Wohngebäuden. Bei betriebswirtschaftlicher Betrachtungsweise
reicht die damit verbundene Energiekosteneinsparung aber häufig
nicht aus, tatsächlich in Solartechnik zu investieren.
Die Energieeinsparverordnung (EnEV) hat u.a. zum Ziel, dass auch
der volkswirtschaftlichen Nutzen der Solarenergie bei der Investitionsentscheidung
beachtet wird. Im Berechnungsverfahren zur EnEV können die
solaren Energiegewinne erheblich dazu beitragen, die erforderlichen
Höchstwerte des Jahres-Primärenergiebedarfs einzuhalten.
Bei Neubauten ermöglicht das architektonische Gestaltungsfreiheiten,
die sonst dem baulichen Wärmeschutz geopfert werden müssten.
Die Einhaltung von 60 bzw. 40 kWh Primärenergieverbrauch je
m2 Nutzfläche kann über zinsgünstige Förderkredite
der KfW aber auch zur Finanzierung des Bauvorhabens dienen. Ebenso
gibt es im KfW-CO2- Gebäudesanierungsprogramm äußerst
zinsgünstige Kredite für Altbauten. Wenn bei der energetischen
Sanierung das Niedrigenergiehausniveau im Bestand erreicht werden,
ist unter bestimmten Voraussetzungen sogar ein Teilschulderlass
von 15% möglich. Details sind unter www.kfw.de
nachzulesen.
Auf diese Weise kommen finanzielle Einsparungseffekte der Solaranlage
bereits zum Tragen, noch bevor die erste Kilowattstunde Solarwärme
im Speicher eintrifft. Dem Berechnungsverfahren für die Ermittlung
des solaren Deckungsanteils kommt dabei eine besondere Bedeutung
zu. Es muss rechtlich belastbar sein - immerhin geht es beim Anspruch
auf KfW-Kredite um größere finanzielle Beträge -,
darf aber aus demselben Grund auch keine Prozente verschenken.
Solaranlagen zur Trinkwassererwärmung
Für die Berechnung des Energieertrages von Solaranlagen zur
Trinkwassererwärmung beschreibt die DIN 4701-10 ausführlich
ein Rechenverfahren mit Formeln. Leider setzen diese einer großzügigen
Dimensionierung der Kollektorfläche enge Grenzen.
Die folgende Grafik zeigt für einen angenommenen Trinkwasser-Wärmebedarf
QTW von 4.600 kWh/a (entsprechend rund 200 m2
Nutzfläche) die Deckungsraten für Kollektorflächen
zwischen 4 und 24 m2.
Sicherlich ist es korrekt, dass selbst stark überdimensionierte
Kollektorflächen keine 100%-Deckung des Trinkwasserwärmebedarfs
erreichen können. Überraschend ist aber, dass die Formeln
der DIN dann sogar eine rückläufige Deckungsrate ergeben
(in diesem Beispiel ab 18 m2 Kollektorfläche).
Glücklicherweise lässt die Norm auch die Verwendung
von Simulationsrechnungen zu:
"Die Ermittlung des Energieertrags (...) erfolgt mit dem
im folgenden beschriebenen Rechenverfahren (alternativ können
auch die Ergebnisse von Simulationsrechnungen verwendet werden,
sofern die Simulationsrechnung mit den gleichen Randbedingungen
durchgeführt wird, die bei dem Rechenverfahren dieser Norm
zu Grunde gelegt wurden)."
Simulationsrechnungen bestätigen bei reichlich dimensionierten
Kollektoranlagen in der Regel höhere Solare Deckungsanteile
als die Formeln der Norm. Das ist vor allem dann interessant, wenn
die Dimensionierung der Kollektorfläche für einen tatsächlich
höheren Trinkwasser- Wärmebedarf erfolgt, als von der
Norm angenommen (QTW ist vor allem abhängig von
der Nutzfläche AN) wird. Die Simulationsrechnung
muss dabei jedoch mit dem QTW-Wert der Norm erfolgen.
Solaranlagen zur Heizungsunterstützung (Kombianlagen)
Hier empfiehlt die Norm von vornherein die Computersimulation:
"Die Ermittlung des Deckungsanteils für Solaranlagen
zur Heizungsunterstützung (Kombianlagen) erfolgt anhand anerkannter
Regeln der Technik bzw. unter Hinzuziehung der dokumentierten Rechenergebnisse
anerkannter Simulationsprogramme."
Die Norm räumt auch die Möglichkeit ein, einen pauschalen
solaren Deckungsanteil zur Heizungsunterstützung anzusetzen.
Dazu muss die Kollektorfläche mindestens das 1,8-fache der
von der Norm als Standard angenommenen Kollektorfläche für
die Trinkwassererwärmung betragen. (Die Kollektorfläche
muss dazu bei Flachkollektoren1,8 x 0,09*AN0,8
erreichen.) Dieser Weg empfiehlt sich allerdings nur dann, wenn
die Kollektorfläche zufälligerweise dem 1,8-fachen Wert
entspricht bzw. diesen nur geringfügig überschreitet,
denn
- bei kleinen Kombianlagen mit unter 1,8-facher Flächenvergrößerung
kann der 10%-Pauschalwert nicht in Anspruch genommen werden;
- bei Kombianlagen mit genau über 1,8-facher Kollektorfläche
könnte der tatsächliche Anteil der solaren Heizungsunterstützung
mehr als 10% betragen - die Norm bietet aber keine Formeln, diesen
Wert genau zu bestimmen;
- bei Solaren Heizungsanlagen mit sehr großen Kollektorflächen
- z.B. 30 m2 Solardach auf einem Einfamilienhaus -
werden sowohl die solare Heizungsunterstützung als auch der
Solare Deckungsanteil an der Trinkwassererwärmung von der
Norm weit unterschätzt.
Die Simulation mit einer Solarsoftware, die passende Rechenmodelle
für Solare Kombianlagen bereitstellt, ermittelt den durchschnittlichen
solaren Gesamtertrag. Die Aufteilung zwischen solarer Heizwärme
und solarer Trinkwassererwärmung kann dabei nicht mit letzter
Genauigkeit erfolgen, da sie u.a. stark vom Nutzerverhalten abhängt.
Die Aufwandszahlen für die Heizwärmeerzeugung durch Heizkessel
oder Wärmepumpen unterscheiden sich zwar von denen für
die Trinkwassererwärmung. Diese Ungenauigkeit ist aber um Größenordnungen
tolerierbarer als die der "10%-Pauschale"
Solaranlagen mit zwei unterschiedlich orientierten Kollektorflächen
Nicht viele Solaranlagen werden mit "Ost-West-Kollektor"-Schaltung
installiert - aber häufig genug, dass entsprechend programmierte
Solarregler dafür angeboten werden (z.B. RESOL DeltaSol Pro,
MidiPro oder DeltaSol M):
"Ost-West"-Kollektoranlage (aus: Montage- und Bedienungsanleitung
RESOL MidiPro)
Viele dieser Anlagen dienen gerade wegen der etwas ungünstigen
Kollektororientierung nur zur Trinkwassererwärmung. Trotzdem
bietet die DIN 4701-10 keinen Rechenweg, den Solarertrag z.B. durch
"Mittelung" der Erträge beider Kollektorflächen zu bestimmen.
Hier ist die Solar-Simulation also nicht die bessere Alternative,
sondern die einzige Möglichkeit, die Solaren Energiegewinne
für die EnEV-Berechnung zu ermitteln.
Normgerechte Solar-Simulation
Wie bereits zitiert, ist Voraussetzung für die normgerechte
Simulationsrechnung, dass diese "mit den gleichen Randbedingungen
durchgeführt wird, die bei dem Rechenverfahren dieser Norm
zu Grunde gelegt wurden". Daher muss das Solar-Simulationsprogramm
die EnEV-relevanten Parameter - allen voran die Nutzfläche
(AN) abfragen oder aus den Eingaben ableiten.
GetSolar-Eingabemaske für EnEV-Parameter
Die "EnEV-Parameter" ersetzen dabei viele der für die Dimensionierung
real anzunehmenden Parameter:
- Der Trinkwasserwärmebedarf ergibt sich vor allem aus der
Nutzfläche und nicht aus der tatsächlichen Anzahl der
Bewohner;
- Bei Heizungsunterstützenden Solaranlagen darf die Heizgrenze
nicht willkürlich gewählt werden, da die Sommerbeheizung
von Kellerräumen dem Komfort und nicht der Energieeinsparung
im Sinne der EnEV dient. Ein Wert von 12°C, bis zu dem Solarwärme
energiesparend die Heizung unterstützt, erscheint legitim.
(Bei Amortisationsrechnungen für den Bauherrn wird dieser
Wert besser auf 15°C oder noch höher angesetzt.)
Im Anschluss daran kann die Simulationsrechnung laufen. Dabei
muss die Software berücksichtigen, dass die simulierten Speicherverluste
dem angegebenen Bereitschafts-Wärmeverlust entsprechen. GetSolar
durchläuft deshalb die Simulation ein zweites Mal mit entsprechend
korrigiertem Wert für die Speicherwärmedämmung.
Die Simulation muss mit den Einstrahlungs- und Temperaturdaten
von Würzburg erfolgen. Es würde naheliegen, dass auch
regionale Solarklimadaten verwendet dürfen. Das stößt
jedoch auf zwei Schwierigkeiten:
- Es ist ungeklärt, ob diese Vorgehensweise mit der Forderung
nach "gleichen Randbedingungen" vereinbar wäre;
- Es gibt keine Veröffentlichung, die verbindlich für
alle Regionen der Bundesrepublik Deutschland Solarklimadaten zur
Verwendung in der EnEV-Berechnung nennt.
Vergleichweise: In Polen gibt es dazu die PN-B-02025 (Juli 2001)
"Calculation of annual space heating requirements for residential
and collective residential buildings", die solche Standortdaten
festschreibt.
Letzte Unklarheiten ...
Neben dem Solarertrag muss auch der Hilfsenergiebedarf ermittelt
werden. Die Norm macht aber keine Angaben, welcher Hilfsenergiebedarf
für die solare Heizungsunterstützung anzusetzen ist. Ich
bin der Ansicht, dass der Hilfsenergiebedarf für die solare
Heizungsunterstützung proportional zu dem der solaren Trinkwassererwärmung
sein sollte.
Es wird offensichtlich, dass die normgerechte Berechnung des Solarertrages
eine gewisse Bandbreite richtiger Ergebnisse zulässt. Deshalb
ist der von einer "EnEV-Software" ausgewiesene Solarertrag nicht
von vornherein als "falsch" zu betrachten, wenn er vom Ergebnis
einer normgerecht durchgeführten Simulation abweicht.
Wünschenswert ist aber, dass die Programmierer von EnEV-Software
offen dafür sind, die Ergebnisse von Solar-Simulationsprogrammen
in ihren Rechenweg zu integrieren.
... und die Perspektiven
Die Berücksichtigung der solaren Energiegewinne in der EnEV
ist die Chance der Solarthermiebranche, die Umsatzzahlen
ihrer Produkte vom ökologischen Bewusstsein einzelner Bauherren
und von den staatlichen Förderprogrammen abzukoppeln.
Solarsimulationsprogramme wie GetSolar bieten sich als Werkzeug
an, um die solaren Energiegewinne von Kollektoranlagen realistischer
(meistens mit höheren Werten) zu bestimmen, als das die einfachen
Rechenformeln der DIN leisten können.
- Im Hinblick auf die Weiterentwicklung der DIN 4701-10
könnte der Normenausschuss die Rechenregeln für Solaranlagen
stärker auf die Vorparametrierung für die normgerechte
Simulationsrechnung ausrichten, anstatt umfangreiche Formelzusammenhänge
aufzustellen, die letztlich doch für nur einige wenige Anlagentypen
gültig sein können.
- Hersteller von EnEV-Software müssen keine eigene
Solar-Simulationsmodule entwickeln - es genügt der Datenaustausch
mit bewährter Solar-Software; (umgekehrt wird das EnEV- Berechnungsmodul
von GetSolar nie eine komplette EnEV-Software ersetzen können);
- Für Solarfirmen verbessert es die Chancen, dass
eine nachgewiesenermaßen effiziente Solaranlage auch gebaut
wird.;
Für entsprechende Kooperationen steht das Ing.-Büro
solar energie info gerne zur Verfügung.
Sauerlach, den 01.10.2003
Axel Horn
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